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Daniel Haaksman Presents: Bossa Do Morro [Soul, Funk, R'n'B]
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Bossa Nova feiert 2008 seinen 50. Geburtstag. Zeit fĂŒr ein zeitgemĂ€Ăes, musikalisches Update des romantischen Sonnenuntergangs-Sounds von Ipanema: Bossa meets Baile Funk!
Baile Funk ist die raue, ungeschliffene Musik aus den Armenvierteln von Rio De Janeiro, die mit wuchtigen Rhythmen, lauten Raps und elektronischen Sounds weltweit auf TanzflĂ€chen fĂŒr Furore sorgt, und den 21.Jahrhundert-Sound von Rio De Janeiro reprĂ€sentiert. Auf "Bossa Do Morro" (ĂŒbersetzt: "Bossa Vom HĂŒgel" = aus den Armenvierteln, die auf den SteilhĂ€ngen der Stadt am Zuckerhut wachsen) bearbeiten einige der besten Baile-Funk-DJs einige der besten Bossa-Nova-Tracks. Idee und Konzept stammt von dem Berliner Journalist, DJ und Produzenten Daniel Haaksman, der mit seinen Compilations "Rio Baile Funk Favela Booty Beats" auf Essay, sowie seinem Label Man Recordings Baile Funk weltweit popularisierte.
Copacabana-Strand, Rio de Janeiro, die ersten Sekunden des Jahres 2008. WĂ€hrend Feuerwerke abgebrannt werden, um die Ankunft eines brandneuen Jahres zu verkĂŒnden, gibt es auf der im Sand aufgebauten BĂŒhne eine andere Explosion. Bumm! Hey, was ist das fĂŒr ein Sound? So groovy, so sexy, so stark, so wild... Das sind definitiv keine sĂŒĂen Bossa-Nova-Lieder! Jemand fragt: Sollten die Leute dort nicht eigentlich Bossa hören? Mensch, es ist das Jahr des 50. JubilĂ€ums des Bossa Nova! Nee, Mann, jetzt bloĂ keine Bossa Nova. Es ist Party angesagt - und es gibt keine bessere Partymusik als die, die DJ Marlboro gerade aus den Lautsprechern plĂ€rren lĂ€sst. Die heiĂt Baile Funk, stammt aus den Favelas und ist die letzte musikalische Revolution, die von dieser Stadt ausgegangen ist. âDo Morroâ heiĂt wörtlich ĂŒbersetzt âVom HĂŒgelâ â es sind die HĂŒgel in Rio De Janeiro, auf denen sich die viele der Favelas der Stadt befinden.
Obwohl Bossa Nova und Funk Jahrzehnte trennen und es vieles gibt es, was sie voneinander unterscheidet, haben sie ebenso viel miteinander gemein - einmal davon abgesehen, dass sie zwei typische Erfindungen Rios sind. Es gab sicherlich keinen Grund fĂŒr sie, nicht zueinander zu finden - sie mussten einander nur vorgestellt werden. Also, Ladys und Gentlemen, hier ist Bossa do Morro, ein Album, das nur darauf gewartet hatte, gemacht zu werden. Einige der besten Baile-Funk-DJs remixen einige der besten Bossa-Nova-Tracks aus den Archiven der Plattenlabels Verve und MPS.
Erinnern Sie sich noch daran, wie die britischen HipHop-Produzenten Us3 damit begannen, mit den Aufnahmen des Jazzlabels Blue Note herum zu spielen? Nun glauben Sie zu wissen, was Sie erwartet. Aber machen Sie sich auf eine Ăberraschung gefasst: denn Funk und Bossa Nova verhalten sich zueinander wie ein Funke und ein voller Benzintank. Bumm!
Ein guter Track, um loszulegen, ist âBerimbauâ. Das StĂŒck wurde von zwei Meistern der Bossa geschrieben: dem Gitarristen Baden Powell (1937-2000) und dem Dichter/Texter VinĂcius de Moraes (1913-1980), der bestens bekannt ist fĂŒr den Hit âGarota de Ipanemaâ, den er mit Tom Jobim (1927-1994) schrieb. Da kann man sehen, worum es bei der Bossa geht: das Zusammentreffen von Samba- und anderen brasilianischen Rhythmen mit der SubtilitĂ€t des amerikanischen Jazz und seinen melodischen Verfeinerungen. Die Version von âBerimbauâ, die als Grundlage fĂŒr diesen Track diente, wurde 1966 von der Gitarristin Rosinha de Valença (1941-2004) mit dem Perkussionisten Chico Batera und Jorge Arena aufgenommen - letzterer spielt das Berimbau, eines der am leichtesten zu identifizierenden Instrumente der afro-brasilianischen Musik. Dann kommt auf einmal 42 Jahre spĂ€ter DJ Nazz daher, remixt den Track und verrĂ€t uns so ganz nebenbei ein, zwei Dinge ĂŒber Baile-Funk.
Nazz ist einer der Typen, die in den 80-er Jahren bei den heiĂen Bailes fĂŒr die armen Kids in Rios Nordzone Miami-Bass-Platten auflegten. Ein paar Jahre spĂ€ter fingen eben diese Kids damit an,
ĂŒber die elektronischen Beats zu rappen, mit Melodien, die sie sich vom Samba und anderen Arten brasilianischer Volksmusik borgten. Dann kamen PCs und Musiksoftware ins Spiel, und plötzlich verzerren diese Kids die amerikanischen Beats, infizieren sie mit afro-brasilianischen Rhythmen und Instrumenten wie zum Beispiel dem Berimbau, die sie ironischerweise von alten Platten samplen.
Voilà , fertig ist der Baile Funk - moderne brasilianische Musik, entstanden aus einem Zusammenstoà der Kulturen. Moderne brasilianische Musik, die in der Stadt Rio ungeheuer populÀr geworden ist. Musik, die rund um den Globus Hörer eroberte, so wie es vor etwas mehr als 40 Jahren die Bossa Nova tat.
Aber warum klaffte zwischen diesen beiden fĂŒr Rio so typischen Musikstilen so lange eine Kluft? Das liegt daran, dass es nicht nur ein Rio de Janeiro gibt. Der Strand, die wĂ€rmende Sonne, die Blumen, das MĂ€dchen von Ipanema... all dies gehört zum reichsten Teil der Stadt, der SĂŒdzone. Und dies ist das Bild von Rio, das die Bossa Nova in den letzten 50 Jahren in der Welt verbreitete. Im Norden und Westen leben die Menschen mit wenig Komfort, aber sehr viel WĂŒrde, verbringen etliche Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln, schuften sich fĂŒr Niedriglöhne krumm, wĂ€hrend ihnen die Sonne gnadenlos den Pelz verbrennt, gönnen sich aber auch jede Menge billige VergnĂŒgungen. Ihre Musik war ursprĂŒnglich der Samba. Dann ĂŒbernahm der HipHop das Steuer und mutierte schlieĂlich zum Funk - einem Sound, der fĂŒr die Kids alles ist, der aber vom Bossa-Teil Rios geĂ€chtet wurde, weil er angeblich zu lĂ€rmig, zu unanstĂ€ndig und zu gefĂ€hrlich ist.
Na ja, dasselbe behauptete man anfangs auch vom Samba - aufsĂ€ssige Musik fĂŒr aufsĂ€ssige Leute. Aber schon ein paar Jahre spĂ€ter war er zur dominierenden Musik Rios (und Brasiliens) geworden. Und dann nahmen sich seiner ein paar neugierige und vorurteilsfreie Kids aus der SĂŒdzone an und kreierten den Bossa Nova. So ist das nun mal: In der Musik kommen die besten Dinge zustande, wenn GegensĂ€tze aufeinander stoĂen. Warum also nicht Bossa Nova und Funk zusammenbringen? Warum nicht zwei Genres miteinander vermischen, die die Stadt - mit all ihren Kontrasten - in der ganzen Welt reprĂ€sentieren... und einfach schauen, was passiert? Das ist Bossa do Morro - der SĂŒden und der Norden, das leise und das laute Rio, das akustische und das elektronische, Liebe und Sex... zum ersten Mal zusammen auf einem Album. Oder das âGirl From Ipanemaâ besucht die âCity Of Godâ und erzĂ€hlt bei seiner RĂŒckkehr, dass es dort den SpaĂ seines Lebens hatte.
Nun könnte manch einer einwenden, dass die raue Alltagsmusik der Favela-Kids in keinster Weise mit den lieblichen klassischen Liedern der Bossa Nova, die von gewandten, musikalisch geschulten, höher gebildeten (und meist weiĂen und wohlhabenden) Musikern geschrieben und gesungen wurde, vergleichen lĂ€sst oder ihr gar noch etwas Gutes hinzufĂŒgen könnte. Aber da sollte man sich wohl besser einmal anhören, was DJ Edgar so mit zwei Klassikern von Tom Jobim und VinĂcius de Moraes anstellte: âInsensatezâ (gespielt vom deutschen Saxophonisten Klaus Doldinger) und âĂgua de beberâ (intoniert von Jobim höchstpersönlich). Die neuen Beats und Samples passen perfekt zu den Songs und transportieren sie - ohne dass ihre Schönheit dabei Schaden nimmt oder WidersprĂŒchlichkeiten entstĂŒnden - ins Rio de Janeiro des Jahres 2008. SchlieĂlich handelt es sich in beiden FĂ€llen um pure Carioca-Musik.
Und weiter gehtâs im Beat mit Bossa do Morro. Sie kennen JoĂŁo Gilberto, dessen sehr persönliche Interpretation des Samba das rhythmische Muster der Bossa Nova hervorbrachte - ganz alleine zettelte er eine Revolution an, indem er auf seiner Gitarre herum schrammelte und dazu mit leiser Stimme sang. Und nun höre man sich mal âGarota de Ipanemaâ, in einer seiner berĂŒhmtesten Darbietungen (zusammen mit Astrud Gilberto und Stan Getz), in der Remix-Version von DJ Nazz an. Oder wie Amazing Clay, einer der alteingesessenen Funk-DJs von Rio, seinen Song âBim Bomâ neu erschuf. Das mag vielleicht keine neue Revolution sein - aber so frisch und sexy haben die Aufnahmen nie zuvor geklungen. Sie öffnen der Musik ein neues Fenster zum Atmen. Funk und Bossa. Bossa und Funk. Warum denn nicht?
Die afrikanischen Wurzeln der beiden musikalischen Genres kommen bei âMacumbaâ wieder zum Vorschein. Die ursprĂŒngliche Aufnahme von den Perkussionisten Rubens Bassini, Jorge Arena und Chico Batera stammt aus dem Jahr 1966. Der Remix von den DJs Dinho und Fu macht uns mit dem TamborzĂŁo bekannt - TamborzĂŁo fusioniert Miami Bass mit den donnernden Atabaque-Trommeln der CandomblĂ©-Zeremonien und ist aus der Baile-Funk-Musik des neuen Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. Die Mischung funktioniert prĂ€chtig. Was lernen wir daraus? Im Funk-Universum darf jeder tun, was immer er will. So wie es SĂ©rgio Mendes in den 60er Jahren machte, als er einfach einen Beatles-Song (âDay Tripperâ) nahm und ihn in brasilianische Gefilde verpflanzte. Er bewies damit, dass die Bossa Nova weit mehr ist als nur ein Musikstil, nĂ€mlich ein GefĂŒhl.
Und nun beweisen wiederum Dinho und Fu ihre furiosen Cut & Paste-FÀhigkeiten, indem sie den alten Track mit dem Tamborzão sehr funky neu kombinieren. Das muss man gehört haben!
Noch eines zum Abschluss: Dass Bossa do Morro die Songs âEmboscadaâ und âSamburaâ (in verschiedenen Remixen von Dinho, Fu, Rafael und Amazing Clay) des Gitarristen und Songwriters Luiz BonfĂĄ (1922 -2001) prĂ€sentiert, ist alles andere als ein Zufall. BonfĂĄ, der einer der Pioniere der Bossa und ein international renommierter Jazzmusiker war, schrieb zusammen mit VinĂcius de Moraes einige Songs fĂŒr den Film âBlack Orpheusâ. Der in den spĂ€ten 50-ern entstandene Film war die Neuinszenierung einer griechischen Tragödie in den Favelas von Rio. Ăltere Semester in Europa werden sich wohl noch gut daran erinnern können, dass sie sich dank Marcel Camusâ Film zum ersten Mal in Brasilien und den Bossa Nova verliebten. Jetzt, beinahe 50 Jahre danach, helfen hier nun die Funk-DJs, den Bossa wieder auf die Morros der Favelas zurĂŒckzuholen. Und das Resultat dieses Zusammentreffens der beiden ungleichen Carioca-Nachbarn, die vorher nie miteinander abgehangen hatten, sollte jedermann erfreuen.
Die Idee zu Bossa Do Morro stammt von dem Berliner DJ, Musikjournalisten und Produzenten Daniel Haaksman, der mit seinen Compilations âRio Baile Funk Favela Booty Beatsâ und seinem Label Man Recordings den Sound aus den Favelas von Rio weltweit popularisierte. Seine zahlreichen Kontakte in die Funk-Szene ermöglichten dieses bislang einzige Remix-Projekt, bei dem Protagonisten des Funk sich offiziell an Interpretationen von Bossa Nova-Klassikern erprobten. Bossa Do Morro dĂŒrfte international sicher fĂŒr ein weiteren Interessen-Schub sowohl fĂŒr den unvergĂ€nglichen Sound des Bossa Nova als auch fĂŒr die heiĂe, neue Musik aus den Favelas von Rio De Janeiro erzeugen.
Silvio Essinger (Der 1970 in Rio de Janeiro geborene Musikjournalist ist u.a. Autor der BĂŒcher âBatidĂŁo - Uma HistĂłria do Funkâ und âPunk: Anarquia PlanetĂĄria e a Cena Brasileiraâ)
(Quelle: Sven-Erik Stephan, Beatsinternational, 24.9.2008)
FORMAT: CD
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