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CD-DETAILS DANIEL HAAKSMAN PRESENTS: BOSSA DO MORRO [V.A.]

V.A.

Daniel Haaksman Presents: Bossa Do Morro [Soul, Funk, R'n'B]


RELEASE: 24.10.2008


LABEL: Universal

VERTRIEB: Universal


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Bossa Nova feiert 2008 seinen 50. Geburtstag. Zeit für ein zeitgemäßes, musikalisches Update des romantischen Sonnenuntergangs-Sounds von Ipanema: Bossa meets Baile Funk!

Baile Funk ist die raue, ungeschliffene Musik aus den Armenvierteln von Rio De Janeiro, die mit wuchtigen Rhythmen, lauten Raps und elektronischen Sounds weltweit auf Tanzflächen für Furore sorgt, und den 21.Jahrhundert-Sound von Rio De Janeiro repräsentiert. Auf "Bossa Do Morro" (übersetzt: "Bossa Vom Hügel" = aus den Armenvierteln, die auf den Steilhängen der Stadt am Zuckerhut wachsen) bearbeiten einige der besten Baile-Funk-DJs einige der besten Bossa-Nova-Tracks. Idee und Konzept stammt von dem Berliner Journalist, DJ und Produzenten Daniel Haaksman, der mit seinen Compilations "Rio Baile Funk Favela Booty Beats" auf Essay, sowie seinem Label Man Recordings Baile Funk weltweit popularisierte.

Copacabana-Strand, Rio de Janeiro, die ersten Sekunden des Jahres 2008. Während Feuerwerke abgebrannt werden, um die Ankunft eines brandneuen Jahres zu verkünden, gibt es auf der im Sand aufgebauten Bühne eine andere Explosion. Bumm! Hey, was ist das für ein Sound? So groovy, so sexy, so stark, so wild... Das sind definitiv keine süßen Bossa-Nova-Lieder! Jemand fragt: Sollten die Leute dort nicht eigentlich Bossa hören? Mensch, es ist das Jahr des 50. Jubiläums des Bossa Nova! Nee, Mann, jetzt bloß keine Bossa Nova. Es ist Party angesagt - und es gibt keine bessere Partymusik als die, die DJ Marlboro gerade aus den Lautsprechern plärren lässt. Die heißt Baile Funk, stammt aus den Favelas und ist die letzte musikalische Revolution, die von dieser Stadt ausgegangen ist. “Do Morro” heißt wörtlich übersetzt “Vom Hügel” – es sind die Hügel in Rio De Janeiro, auf denen sich die viele der Favelas der Stadt befinden.

Obwohl Bossa Nova und Funk Jahrzehnte trennen und es vieles gibt es, was sie voneinander unterscheidet, haben sie ebenso viel miteinander gemein - einmal davon abgesehen, dass sie zwei typische Erfindungen Rios sind. Es gab sicherlich keinen Grund für sie, nicht zueinander zu finden - sie mussten einander nur vorgestellt werden. Also, Ladys und Gentlemen, hier ist Bossa do Morro, ein Album, das nur darauf gewartet hatte, gemacht zu werden. Einige der besten Baile-Funk-DJs remixen einige der besten Bossa-Nova-Tracks aus den Archiven der Plattenlabels Verve und MPS.

Erinnern Sie sich noch daran, wie die britischen HipHop-Produzenten Us3 damit begannen, mit den Aufnahmen des Jazzlabels Blue Note herum zu spielen? Nun glauben Sie zu wissen, was Sie erwartet. Aber machen Sie sich auf eine Überraschung gefasst: denn Funk und Bossa Nova verhalten sich zueinander wie ein Funke und ein voller Benzintank. Bumm!

Ein guter Track, um loszulegen, ist “Berimbau”. Das Stück wurde von zwei Meistern der Bossa geschrieben: dem Gitarristen Baden Powell (1937-2000) und dem Dichter/Texter Vinícius de Moraes (1913-1980), der bestens bekannt ist für den Hit “Garota de Ipanema”, den er mit Tom Jobim (1927-1994) schrieb. Da kann man sehen, worum es bei der Bossa geht: das Zusammentreffen von Samba- und anderen brasilianischen Rhythmen mit der Subtilität des amerikanischen Jazz und seinen melodischen Verfeinerungen. Die Version von “Berimbau”, die als Grundlage für diesen Track diente, wurde 1966 von der Gitarristin Rosinha de Valença (1941-2004) mit dem Perkussionisten Chico Batera und Jorge Arena aufgenommen - letzterer spielt das Berimbau, eines der am leichtesten zu identifizierenden Instrumente der afro-brasilianischen Musik. Dann kommt auf einmal 42 Jahre später DJ Nazz daher, remixt den Track und verrät uns so ganz nebenbei ein, zwei Dinge über Baile-Funk.

Nazz ist einer der Typen, die in den 80-er Jahren bei den heißen Bailes für die armen Kids in Rios Nordzone Miami-Bass-Platten auflegten. Ein paar Jahre später fingen eben diese Kids damit an,
über die elektronischen Beats zu rappen, mit Melodien, die sie sich vom Samba und anderen Arten brasilianischer Volksmusik borgten. Dann kamen PCs und Musiksoftware ins Spiel, und plötzlich verzerren diese Kids die amerikanischen Beats, infizieren sie mit afro-brasilianischen Rhythmen und Instrumenten wie zum Beispiel dem Berimbau, die sie ironischerweise von alten Platten samplen.
Voilà, fertig ist der Baile Funk - moderne brasilianische Musik, entstanden aus einem Zusammenstoß der Kulturen. Moderne brasilianische Musik, die in der Stadt Rio ungeheuer populär geworden ist. Musik, die rund um den Globus Hörer eroberte, so wie es vor etwas mehr als 40 Jahren die Bossa Nova tat.

Aber warum klaffte zwischen diesen beiden für Rio so typischen Musikstilen so lange eine Kluft? Das liegt daran, dass es nicht nur ein Rio de Janeiro gibt. Der Strand, die wärmende Sonne, die Blumen, das Mädchen von Ipanema... all dies gehört zum reichsten Teil der Stadt, der Südzone. Und dies ist das Bild von Rio, das die Bossa Nova in den letzten 50 Jahren in der Welt verbreitete. Im Norden und Westen leben die Menschen mit wenig Komfort, aber sehr viel Würde, verbringen etliche Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln, schuften sich für Niedriglöhne krumm, während ihnen die Sonne gnadenlos den Pelz verbrennt, gönnen sich aber auch jede Menge billige Vergnügungen. Ihre Musik war ursprünglich der Samba. Dann übernahm der HipHop das Steuer und mutierte schließlich zum Funk - einem Sound, der für die Kids alles ist, der aber vom Bossa-Teil Rios geächtet wurde, weil er angeblich zu lärmig, zu unanständig und zu gefährlich ist.

Na ja, dasselbe behauptete man anfangs auch vom Samba - aufsässige Musik für aufsässige Leute. Aber schon ein paar Jahre später war er zur dominierenden Musik Rios (und Brasiliens) geworden. Und dann nahmen sich seiner ein paar neugierige und vorurteilsfreie Kids aus der Südzone an und kreierten den Bossa Nova. So ist das nun mal: In der Musik kommen die besten Dinge zustande, wenn Gegensätze aufeinander stoßen. Warum also nicht Bossa Nova und Funk zusammenbringen? Warum nicht zwei Genres miteinander vermischen, die die Stadt - mit all ihren Kontrasten - in der ganzen Welt repräsentieren... und einfach schauen, was passiert? Das ist Bossa do Morro - der Süden und der Norden, das leise und das laute Rio, das akustische und das elektronische, Liebe und Sex... zum ersten Mal zusammen auf einem Album. Oder das “Girl From Ipanema” besucht die “City Of God” und erzählt bei seiner Rückkehr, dass es dort den Spaß seines Lebens hatte.

Nun könnte manch einer einwenden, dass die raue Alltagsmusik der Favela-Kids in keinster Weise mit den lieblichen klassischen Liedern der Bossa Nova, die von gewandten, musikalisch geschulten, höher gebildeten (und meist weißen und wohlhabenden) Musikern geschrieben und gesungen wurde, vergleichen lässt oder ihr gar noch etwas Gutes hinzufügen könnte. Aber da sollte man sich wohl besser einmal anhören, was DJ Edgar so mit zwei Klassikern von Tom Jobim und Vinícius de Moraes anstellte: “Insensatez” (gespielt vom deutschen Saxophonisten Klaus Doldinger) und “Água de beber” (intoniert von Jobim höchstpersönlich). Die neuen Beats und Samples passen perfekt zu den Songs und transportieren sie - ohne dass ihre Schönheit dabei Schaden nimmt oder Widersprüchlichkeiten entstünden - ins Rio de Janeiro des Jahres 2008. Schließlich handelt es sich in beiden Fällen um pure Carioca-Musik.

Und weiter geht’s im Beat mit Bossa do Morro. Sie kennen João Gilberto, dessen sehr persönliche Interpretation des Samba das rhythmische Muster der Bossa Nova hervorbrachte - ganz alleine zettelte er eine Revolution an, indem er auf seiner Gitarre herum schrammelte und dazu mit leiser Stimme sang. Und nun höre man sich mal “Garota de Ipanema”, in einer seiner berühmtesten Darbietungen (zusammen mit Astrud Gilberto und Stan Getz), in der Remix-Version von DJ Nazz an. Oder wie Amazing Clay, einer der alteingesessenen Funk-DJs von Rio, seinen Song “Bim Bom” neu erschuf. Das mag vielleicht keine neue Revolution sein - aber so frisch und sexy haben die Aufnahmen nie zuvor geklungen. Sie öffnen der Musik ein neues Fenster zum Atmen. Funk und Bossa. Bossa und Funk. Warum denn nicht?

Die afrikanischen Wurzeln der beiden musikalischen Genres kommen bei “Macumba” wieder zum Vorschein. Die ursprüngliche Aufnahme von den Perkussionisten Rubens Bassini, Jorge Arena und Chico Batera stammt aus dem Jahr 1966. Der Remix von den DJs Dinho und Fu macht uns mit dem Tamborzão bekannt - Tamborzão fusioniert Miami Bass mit den donnernden Atabaque-Trommeln der Candomblé-Zeremonien und ist aus der Baile-Funk-Musik des neuen Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken. Die Mischung funktioniert prächtig. Was lernen wir daraus? Im Funk-Universum darf jeder tun, was immer er will. So wie es Sérgio Mendes in den 60er Jahren machte, als er einfach einen Beatles-Song (“Day Tripper”) nahm und ihn in brasilianische Gefilde verpflanzte. Er bewies damit, dass die Bossa Nova weit mehr ist als nur ein Musikstil, nämlich ein Gefühl.

Und nun beweisen wiederum Dinho und Fu ihre furiosen Cut & Paste-Fähigkeiten, indem sie den alten Track mit dem Tamborzão sehr funky neu kombinieren. Das muss man gehört haben!

Noch eines zum Abschluss: Dass Bossa do Morro die Songs “Emboscada” und “Sambura” (in verschiedenen Remixen von Dinho, Fu, Rafael und Amazing Clay) des Gitarristen und Songwriters Luiz Bonfá (1922 -2001) präsentiert, ist alles andere als ein Zufall. Bonfá, der einer der Pioniere der Bossa und ein international renommierter Jazzmusiker war, schrieb zusammen mit Vinícius de Moraes einige Songs für den Film “Black Orpheus”. Der in den späten 50-ern entstandene Film war die Neuinszenierung einer griechischen Tragödie in den Favelas von Rio. Ältere Semester in Europa werden sich wohl noch gut daran erinnern können, dass sie sich dank Marcel Camus’ Film zum ersten Mal in Brasilien und den Bossa Nova verliebten. Jetzt, beinahe 50 Jahre danach, helfen hier nun die Funk-DJs, den Bossa wieder auf die Morros der Favelas zurückzuholen. Und das Resultat dieses Zusammentreffens der beiden ungleichen Carioca-Nachbarn, die vorher nie miteinander abgehangen hatten, sollte jedermann erfreuen.

Die Idee zu Bossa Do Morro stammt von dem Berliner DJ, Musikjournalisten und Produzenten Daniel Haaksman, der mit seinen Compilations “Rio Baile Funk Favela Booty Beats” und seinem Label Man Recordings den Sound aus den Favelas von Rio weltweit popularisierte. Seine zahlreichen Kontakte in die Funk-Szene ermöglichten dieses bislang einzige Remix-Projekt, bei dem Protagonisten des Funk sich offiziell an Interpretationen von Bossa Nova-Klassikern erprobten. Bossa Do Morro dürfte international sicher für ein weiteren Interessen-Schub sowohl für den unvergänglichen Sound des Bossa Nova als auch für die heiße, neue Musik aus den Favelas von Rio De Janeiro erzeugen.

Silvio Essinger (Der 1970 in Rio de Janeiro geborene Musikjournalist ist u.a. Autor der Bücher “Batidão - Uma História do Funk” und “Punk: Anarquia Planetária e a Cena Brasileira”)

(Quelle: Sven-Erik Stephan, Beatsinternational, 24.9.2008)


FORMAT: CD


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