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CD-DETAILS REICH UND SCHöN [200 SACHEN]


200 Sachen

Reich und Schön [Deutsch RockPop]


RELEASE: 10.02.2006


LABEL: Columbia

VERTRIEB: SonyBMG

WEBSITE: www.200sachen.de

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Die bremsen nicht vor Kurven. Die fahren lieber geradeaus. Sie scheißen auf Naturgesetze und brauchen auch kein ABS. Sie schnallen sich nicht mal an. 200Sachen sind keine Garagen-Band, sondern notorische Linksfahrer. Und wenn es mal steil abwärts geht, dann bitte gleich senkrecht: „Freier Fall, wir brauchen keinen Fallschirm.“

Ein Fall für Flensburg?

Einfall aus Wiesbaden! Dieser Fünfer aus Hessens Hauptstadt ist ein Selbstzünder.

Unzählige 60s-Partys im Schlachthof (Wiesbadens Top-Adresse für Laut-Kultur) führten die Band zusammen. Dort gingen sie alle ein und aus und jeder hatte schon so seine „Projekte“: Bassist Lefty, dem ein veritables Rock-Dasein ins Gesicht geschrieben steht; Drummer Uzi, dessen Name nicht von ungefähr einer haarsträubenden Schnellfeuerpistole entlehnt ist, und Tob, dessen Schopf sich ob seines Gitarrenspiels (oder ob seiner Gedanken um seinen style) gekraust haben muss. Die drei sind alte Hasen, die schon unter dem Namen I Saw Elvis ihrer Rock-Erleuchtung frönten. Die zwei jungen Hasen sind Fabian, der auch bei den Ramones einen irren guitarista abgegeben hätte, und Katta, hinter deren strohgoldenem Äußeren man keine so wilde Stimme erwarten mag – was beides um so attraktiver macht.

Der erste Funke flog Anfang 2003, als Katta und Fabian daheim herum musizierten und sich ziemlich gehen ließen. Herausgekommen ist „200 Sachen“, ein Song, der ein Jahr später den Band-Namen stiften sollte. Weil darin alles angelegt ist, was 200 Sachen ausmacht: schneller Rock ohne Umwege, viel Spaß ohne hintergedanklichen Feinsinn, Melodien ohne Süße. Weder bierselig noch technikversessen. 200 Sachen schmecken nach Opel Commodore und Sekt auf Eis. Und der Baggersee bei Vollmond ist geiler als Baywatch voller Pamela.

Mit „200 Sachen“ begann die Lust auf ein Abenteuer. Ziel unbekannt, Weg klar: Reduktion aufs Wesentliche, Treibstoff für Party und Leichtsinn, Songs zum Mitsingen. Und wie gelingt das? „Die wichtigen Noten gut spielen!“, sagt Tob. „Und laut!“, sagt Fabian. Der Rest wird weggelassen. Minimalismus 2005. Uzi lädt durch: „Unsere Musik soll keine Herzen von Musikpolizisten erfreuen. Wir spielen für Leute, die sich gehen lassen wollen, und wenn sie sich gehen lassen, ist das unser Antrieb, Gas zu geben.“

200 Sachen kommen nicht aus dem Windkanal, sondern aus einer Rock’n’ Roll-Fauna, die von zugig bis stickig alle Zumutungen für Riesterrenten-resistente Krachmacher bereithält. Und vor Publikum drehen sie richtig auf. „Wir haben öfter auf Bühnen gestanden als im Proberaum“, bekennt Lefty, beinahe entschuldigend, denn geplant war das nicht.

Über 80 Auftritte hat das Quintett bereits bestritten. Live werden 200 Sachen zu Boliden, und das hat sich unter Konzertveranstaltern herumgesprochen. Mit Mika Bomb und Tigerbeat haben sie genauso gespielt wie mit Phantom Planet oder Prodigy. Ob klein, ob groß, sie rocken immer. Auch die ganz und gar unrockbaren Talentgucker der Plattenfirmen, die 200 Sachen reihum zum Showcase geladen haben. Wichtigstes Fazit der Band: „Wir hatten nie ein schlechtes Publikum.“

Warum auch. 200 Sachen-Publikum tanzt, lacht, grinst und ist dankbar, dass deutschsprachiger Rock mal nicht auf weichen Pfoten angekrochen kommt. Dass er trotzdem keine Finsternis verbreitet, auf Punk-Freak-Klamauk verzichtet, nicht die Welt retten will, keine Teenager-Tragödien aufführt und auch keinen Doktor der Literaturwissenschaft abverlangt. Wer hat in Deutschland zuletzt ein Album veröffentlicht, das derart ungestüm durch die Wand geht und dabei trotzdem Ohrwurm an Ohrwurm reiht! 15 hintereinander!

Balladen? Eine. „Schiffeversenken“ ist ein kammermusikalisch artig erhobener Mittelfinger in Richtung eines Typen, der’s vermasselt hat. (Überhaupt gehen auf diesem Album ziemlich viele Männer mit Blessuren oder leeren Händen nach Hause.) Alle anderen Stücke münden über kurz oder lang in den roten Drehzahlen, gipfelnd in „Lauter bis es explodiert“, und dieser Titel ist keine Koketterie. Damit eine Maschine, die so im Grenzbereich läuft, trotzdem liebenswert klingt, muss sie gut geölt sein. Und das ist das, was 200 Sachen ganz erstaunlich gelingt.

Katta und Fabian schreiben den Großteil der Texte, der Rest ist Gruppenarbeit. Gemeinsam rasen sie mitten durchs Leben, hinterlassen manch kluge Pointe oder schalten auch mal gerne den Verstand ab. Und wenn es eine Band gibt, denen sie sich seelenverwandt fühlen, dann ist es AC/DC. Wenn Katta unter Strom steht, hat sie den Teufel in sich: „Im Alltag klingt meine Stimme schüchtern, aber wenn ich auf der Bühne abgehe, macht sie mich so leicht, dass ich abhebe. Und die hohen Töne machen mich am leichtesten.“

Katta lenkt gerne von der anderen Seite ihrer Macht ab: ihrem Soul, der bei mittleren Drehzahlen wohltuend moussiert. „Manche sagen, ich sei eine Rock-Röhre, dabei bin ich allenfalls eine Rock-Prinzessin.“ Singen lernen musste sie nicht – sie hat es einfach schon immer getan, so wie andere Puppen oder Fußball spielen. Ein Semester, das sie an der Popakademie absolvierte, bescherte ihr Enttäuschung. Sie erhoffte sich eine technisch-künstlerische Auseinandersetzung mit ihrer Stimme, aber fand einen Lehrplan zur Musikerwerdung. Trotz oder wegen jenes Irrtums entstanden 200 Sachen – ihr Exil auf der Flucht vor der Popdiktatur.

Und jetzt sind sie der Strich durch die Rechnung der Rock-Designer, ganz gleich, welcher Schule sie angehören. 200 Sachen erwuchsen aus dem ungezogenen Anspruch, dem Leben alles abzuverlangen, sofort und auf einen Schlag. In 3 Minuten. Sehr viel länger währt das Leben nicht – besser, man hat Spaß dabei. Wer sich und andere langweilt, hat wirklich alles falsch gemacht.

(Quelle: Verstärker, 6.1.2006)


FORMAT: CD Extra / Enhanced CD


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