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âErfolg ist ein teuflisches Opiat. Ein schneller und berauschender Drink, der dir erst ganz smooth runtergeht, dann aber anfĂ€ngt, in deiner Kehle zu brennen und dich komplett durchzuschĂŒtteln â und am nĂ€chsten Tag bist du komplett im Eimerâ, erklĂ€rt Brandon Boyd. Und der Kalifornier weiĂ ziemlich gut, wovon er da spricht. Als SĂ€nger und Frontmann der Band Incubus veröffentlichte der 35-jĂ€hrige in den vergangenen sechzehn Jahren fĂŒnf Studioalben, die sich bis dato weltweit mehr als fĂŒnfzehn Millionen Mal verkauften. Im Juli 2011 erscheint fĂŒnf lange Jahre nach dem US-Nummer-Eins-Album âLight Grenadesâ, das mit âLove Hurtsâ den bis dato gröĂten Incubus-Hit hervorbrachte, endlich ein neues Werk der Band. Der programmatische Titel: âIf Not Now, When?â. Der Produzent: Brendan OâBrien, unter dessen Regie zahllose Klassiker entstanden, darunter essentielle Alben von Bruce Springsteen, Rage Against The Machine, Pearl Jam, AC/DC und Billy Talent.
Und wer könnte die Entstehung, den Inhalt und die Motivation, die hinter dem langerwarteten, sechsten Incubus-Album steht, besser erklĂ€ren als Brandon Boyd selbst. Hier ist, was er zu âIf Not Now, When?â zu sagen hat:
âWir alle hören gerne eine gute Erfolgsgeschichte, oder? Interessanterweise sind es aber nicht die âgutenâ Dinge, die eine Story âgutâ machen. Nein. Es sind die negativen Elemente, bei denen wir unsere Ohren spitzen. Und genau das ist die Tragödie, die unserem allgegenwĂ€rtigen Streben nach Aufmerksamkeit inne wohnt. Ich bin Mitglied einer Band namens Incubus. Wir sind alle gleich alt und haben 1991 mit unserer Band angefangen. Unsere Geschichte Ă€hnelt vielen anderen Erfolgsgeschichten. Sie hat Gipfel und TĂ€ler, sie ist voller MĂŒhsal und Triumphe, schwindelerregender Höhepunkte und tiefster Tiefpunkte. Aber es waren nicht die schlimmen Dinge unserer Story, die die Neugier der Menschen weckte und ĂŒber all die Jahre aufrecht erhielt. Um ganz ehrlich zu sein: ich bin mir nicht genau sicher, warum die Leute sich schon so lange fĂŒr uns interessieren. Mir gefĂ€llt der Gedanke, dass es an der Musik liegt, die wir machen und mit der Welt teilen. Dass wir bei den Menschen an bestimmten Momenten in ihrem Leben einen Nerv getroffen haben, so dass sie durch bestimmte Songs an nicht ganz so weit zurĂŒckliegende Zeiten erinnert werden, in denen Ereignisse und Wendungen in ihrer eigenen Biographie im Einklang mit unseren Texten und Rhythmen standen. Sounds, die in Symmetrie mit der Psyche eines Menschen mĂ€andern, wie in jenen seltenen Momenten, wenn dein Körper und dein Schatten sich an der Wand deckungsgleich ĂŒbereinander legen. Wenn also die Musik der wahre Auslöser fĂŒr unsere (jetzt wieder) voranschreitende Erfolgsgeschichte ist, dann kann man sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Möglicherweise sind wir Wanderer, die von der Droge genascht haben - wir kicherten und wunderten uns ĂŒber die Kaleidoskop-Muster, die sie hervorrief. Aber als wir am folgenden Tag erwachten, schĂŒttelten wir sie ab und machten uns wieder auf den Weg.
Noch leicht verkatert vom vorabendlichen Um-die-HĂ€user-Ziehen beschlossen wir, dass es nun höchste Zeit war, Songs fĂŒr eine neue Platte zu schreiben. FĂŒnf Jahre waren seit der Veröffentlichung von âLight Grenadesâ, unserem letzten Album, ins Land gegangen und uns alle juckte es gewaltig, âuns mal wieder ordentlich einen reinzuziehenâ. Nachdem wir ungefĂ€hr drei Songs geschrieben hatten, dĂ€mmerte uns allerdings, dass wir hier etwas völlig Neues ans Tageslicht befördert hatten. Aufgeregt machten wir uns daran, dem neuen Kaninchen soweit in das Wurmloch hinein zu folgen, wie uns nur möglich war. An einem bestimmten Punkt innerhalb dieses kreativen Vagabundierens wurde uns bewusst, dass bestimmte kreative Mantras wieder auftauchten, bewusst und unbewusst. Worte wie âWirtschaftâ, âEleganzâ, âRaumâ und âZurĂŒckhaltungâ schlichen sich wieder in unsere GesprĂ€che. Begriffe, mit denen wir in der Vergangenheit bereits gespielt hatten, aber noch nie vorsĂ€tzlich und so selbstbewusst.
TrĂ€ufele ein Prise Laune und eine Messerspitze Psychedelia in den Kessel, lass es ein paar Monate im Aufnahmestudio vor sich hin schmoren und am Ende kommt dies hier dabei heraus: âIf Not Now, When?â. Unser romantischer, musikalischer Liebesbrief an die Welt. Er ist dunkler, langsamer, reichhaltiger, raffinierter und aufwĂ€ndiger als alles, was Incubus bislang veröffentlich haben. Und ich bin sehr glĂŒcklich, es mit euch allen zu teilen. All die Jahre hatten Incubus nach Möglichkeiten gesucht, eine Balance zwischen den Optionen zu finden, die das Songwriting bietet. Ich glaube, dass wir seit vielen Jahren nach etwas Anderem gesucht hatten. Nach etwas Neuem fĂŒr die Welt â und fĂŒr uns als Band. Und wir beschlossen, dass unser sechstes Studioalbum âIf Not Now, When?â genau dies sein sollte.
Die TonalitĂ€t des Albums haben wir beim Titelsong festgelegt. Wenn man irgendwann, irgendwo im Wasser rĂŒhrt, dann setzten von dieser Stelle aus Wellen in alle Richtungen in Bewegung. Wunderschön, symmetrisch und unaufhaltsam pulsierend, nach auĂen, immer weiter. Die Wellen legen unzĂ€hlige Meilen zurĂŒck und treffen irgendwann auf flaches GewĂ€sser. Dann kommt das triumphierende Finale: das Brechen der Welle, nachdem sie tausende von Meilen an Fahrt aufgenommen hat. Sie spannt einen Bogen in die Zukunft; die Welle ist kurz davor zu brechen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist ein einzigartiges Ereignis in Raum und Zeit, das sich nie wiederholen wird. Jetzt. Jetzt. Jetzt.
Unsere erste Single âAdolescentsâ ist möglicherweise der am vertrautesten klingende Incubus-Song auf dem neuen Album. Er beginnt mit Michaels unverkennbarem und unnachahmlichem Gitarrenspiel, und geht in eine Art betrunkenen Walzer ĂŒber. Der Gedanke schafft sich Raum, dass wir kollektiv kurz vor unserer kulturellen Teenagerzeit stehen. Man hat das GefĂŒhl, als wenn es uns schon immer gegeben hĂ€tte. Uns, meine ich. Die Menschen. Kultur. Aber man muss lediglich einen Blick in die biologischen Akten der Erde werfen, um zu begreifen, dass WIR noch recht neu sind! Und die VerĂ€nderungen, die wir in unserem komplexen, kleinen Spiel beobachten können, sind denjenigen, die man als Heranwachsender erlebt, nicht ganz unĂ€hnlich.
âPromises, Promisesâ ist unsere Hommage an die Popsongs von âyester-morrowâ. Bezug nehmend auf die verdientermaĂen allgegenwĂ€rtigen KĂŒnstler der Generation unserer Eltern, versuchen wir hier, eine Art âkunsthandwerkliche Uhrâ anzufertigen. Ein Teil, das geschmeidig vor sich hin tickt, auf der Basis seines guten Designs, seiner Schönheit und Einfachheit. In dem Song geht es um ein junges MĂ€dchen, das nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen resigniert und den Weg des geringsten Widerstandes einschlĂ€gt. Um die Schmerzen zu vermeiden, die IntimitĂ€t und NĂ€he mit sich bringen, lĂ€sst sie sich nur auf oberflĂ€chliche AffĂ€ren ein. Doch dann trifft sie jemanden, dem sie mit allem, was sie hat, vertrauen kann: mit ihrem Herzen. Doch nachdem sie jahrelang davor davon gelaufen ist, kann sie kaum noch erkennen, wie das Wahre aussieht.
âFriends And Loversâ ist ein Lied, von dem ich immer hoffte, dass wir es irgendwann schreiben können. Ich glaube, es ist bis dato mein Lieblingssong. Es trifft den Kern unserer kulturell geprĂ€gten Wahrnehmungsunterschiede, was Beziehungen angeht und wie Liebe aussehen soll. Es wendet sich gegen seit Ewigkeiten gĂŒltige Auffassung bezĂŒglich Liebe und IntimitĂ€t und stellt schlicht fest, dass Freunde die besten Liebenden sind. Und dass Liebe in der Tat aus Freundschaft entspringen und unsere vorgefassten Ansichten ĂŒberdauern kann: wie es auszusehen hat, wie es sich anfĂŒhlen soll und wie lange es andauert. Filme und Religion haben unser Bild dieses wichtigsten Themas weitestgehend definiert. Und mit diesem Song wollte ich versuchen, meine Vorstellung von moderner Liebe darzulegen.
âTomorrowâs Foodâ wurde vor ca. zwei Jahren geschrieben. Damit war es der erste Song, der fĂŒr dieses Album entstand. Auch hier zeigt uns Michael wieder einmal seine tiefe MusikalitĂ€t. Das StĂŒck ist ein âSound-Quiltâ, der uns umhĂŒllt und an dessen WĂ€rme und den vielen Möglichkeiten, die er uns bietet, wir uns laben. Textlich nehme ich ausdrĂŒcklich Bezug auf ein Zitat des Philosophen Ken Wilbur aus âA Bief Hisory Of Everythingâ: âKeine Epoche ist letzten Endes privilegiert. Wir sind die Nahrung von Morgen. Der Prozess geht weiter. Und der Geist an sich findet sich im Prozess selbst, nicht in einer bestimmten Epoche, oder Zeit oder an einem bestimmten Ort.â Niemals hat jemand so eloquent, so kurz und bĂŒndig in Worte gefasst, wie ich das Erwachsenwerden sehe. Das Erreichen der Mitte DreiĂig. Nachdem ich dieses Zitat gelesen hatte und Zeuge des Ziehen und StoĂens zwischen dem Alten und dem Neuen wurde, dem Jungen und dem Nicht-ganz-so-Jungen, sah ich die inherente Schönheit und die Weisheit in diesem Prozess. Und ich schrieb einen Song darĂŒber. Nach Ansicht dieses Berichterstatters befinden wir uns inmitten gewaltiger UmwĂ€lzungen. Kulturell, ethisch, kĂŒnstlerisch, technologisch, intellektuell, philosophisch und spirituell. Eigentlich so gut wie alle â-ellsâ. Derartige VerĂ€nderungen gab es bereits zuvor â natĂŒrlich mit anderen Details und Ergebnissen. Und es wird wieder passieren. Absolut. Das neue Element in der Sache ist, dass wir uns der UmwĂ€lzungen bewusst sind. Das Bewusstsein, dass es nie ein âEnde der Weltâ geben wird. Lediglich den Prozess und die Wahl, Zeuge oder Akteur zu sein. Was wie das Ende der Welt anmutet, ist das demĂŒtigende GefĂŒhl, wenn man begreift, dass eine neue Ideenwelt die Ideen deiner Generation verdrĂ€ngt hat. Verwirrt und bestĂŒrzt von der Art und Weise, âwie die Dinge so laufenâ, kann man gar nicht anders als denken, dass alles den Bach runter geht â und dass du kĂ€mpfen musst, um das zu erhalten, was du aufgebaut hast. Was aber tatsĂ€chlich stattfindet, ist eine notwendige Weiterentwicklung. Die Ăbergabe des kollektiven Staffelholzes. Und wenn nicht jetzt, wann dann?
Als wir unser erstes Album âS.C.I.E.N.C.E.â aufnahmen und veröffentlichten, waren wir kleine Jungs, die vor Enthusiasmus und Energie fast platzten. Wir waren zuvor nie auf Tour gewesen, hatten nie vor einem anderen Publikum gespielt als vor Familienmitgliedern und Freunden. Und plötzlich fanden wir uns auf Konzertreise durch die USA und Europa wieder, fast nonstop zwei Jahre lang, auf der Suche nach⊠Rock and Roll? Als wir ins Stottern gerieten und wieder nach Hause krochen, waren wir erschöpft. Seltsamerweise aber auch voller Inspiration. Wir begannen damit, Songs fĂŒr unser Follow-Up âMake Yourselfâ zu schreiben â ein Album, bei dem wir uns nach Fertigstellung selbst am Kopf kratzen mussten. Denn nachdem wir mit dem VorgĂ€nger ungewollt ein neues, musikalisches Subgenre ins Leben gerufen hatten, schien es recht unlogisch, dass wir ein Rock and Roll Album aufgenommen hatten, voller Melodien, durchdacht (sowohl musikalisch als auch textlich), und mit â Gott bewahre â Singles! (könnte man hier Bewegtbilder einfĂŒgen, so wĂŒrde ich schnell Godzilla hinein editieren, der irgendwo eine Stadt dem Erdboden gleich macht. Menschen, die in Panik in alle Richtungen davon rennen und ein paar Unerschrockene hier und da, die auf die teuflische, prĂ€historische Kreatur aus der Tiefe zeigen). âMake Yourselfâ wurde bei den Fans, die wir eben erst fĂŒr uns gewonnen hatten, mit einiger ErschĂŒtterung aufgenommen. Wir hatten eine unerwartete Kehrtwende vollzogen. Wir wurden stellenweise sogar etwas nervös und fragten uns, ob wir einen Fehler begangen hatten, als wir uns auf unseren Instinkt verlieĂen und âSong orientierterâ arbeiteten. Doch einige Monate nach der Veröffentlichung wurde die Sache langsam doch zum Erfolg. Mit der Betonung auf âlangsamâ. Langsam, aber sicher. Letzten Endes hatte uns unser kreativer Instinkt die richtige Richtung gewiesen. Es war ein Kompass mit einer sich schlĂ€ngelnden Nadel, aber es war ein guter.
Mit âIf Not Now, When?â schlieĂt sich nun dieser langsame Bogen. Die Welle, die seit so langer Zeit unterwegs war, ist im Begriff zu brechen. Eine Kraft, die in der Lage ist, gleichermaĂen Schönheit und Zerstörung zu verursachen, ist durch ihre Einzigartigkeit bemerkenswert - weil sich das Ereignis nicht wiederholen wird. Wellen brechen vor ihrer Zeit, Wellen werden danach brechen, aber jede einzelne ist eine individuelle Leinwand. Diese ist unsere. Eure und meine.
Nun, wenn Erfolg eine Droge ist, dann sind Incubus ein funktionierender AbhĂ€ngiger. Ich weiĂ, wie banal es klingt, wenn man seinen eigenen Erfolg kommentiert, aber ich sehe unsere Sucht als eine kollektive. Ihr habt uns ermöglicht, soweit zu kommen und was wir innerhalb dieses Prozesses erschaffen haben, wird noch fĂŒr lange Zeit fĂŒr GesprĂ€chsstoff sorgen. Wenn ich sage: âWIRâ, dann meine ich euch und mich. Uns alle. Dies ist letztendlich eine Konversation, die in den frĂŒhen Neunzigern begonnen hat und die bis heute andauert. Ein Spaziergang, der uns einen gewunden Pfad entlang fĂŒhrt, durch zahlreiche Landschaften und ĂŒber weites GelĂ€nde. NatĂŒrlich tun uns die Knochen weh, unsere Hunde klĂ€ffen, unsere Schuhe sind voller Löcher und wir sehen ohne Hemd und T-Shirt nicht mehr ganz so gut aus wie frĂŒher - doch das bedeutet nicht, dass wir nicht weitergehen werden. Und dabei mit euch sprechen werden. Langsam denke ich, dass Erfolg weniger ein Opiat ist als vielmehr ein Ăbergang zum guten Teil einer Konversation.
Bis bald, Jungs und MĂ€dchen. Wir lieben es, Musik zu machen und fĂŒhlen uns dankbar und gesegnet, dass ihr uns eure Aufmerksamkeit schenkt â heute und hoffentlich auch morgen.
Cheers,
Brandon Boydâ
Incubus live - Dates 2011 - 18.06. Hurricane
- 19.06. Southside
(Quelle: Sony Music, 21.4.2011)
FORMAT: CD
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